Bull Jumping Ceremony

A day with the Hamar People in Ethiopia

Party like an Ethiopian!

2017

Nov

Rating
100
Fotografie
70
Entdeckergeist
55
Komfort
50
Natur
Location

Wein, Weiber und wilde Tiere

Sonntagmittag, am Morgen haben wir die Dassanech People an der Grenze zum Südsudan besucht. Auf der Rückfahrt von Omorate nach Turmi sagte Melak, er hat gerade erfahren, dass es heute in einem kleinen Dorf, etwa 10km von Turmi entfernt, eine Bull Jumping Ceremony geben wird. Ein Ritual bei dem ein Hamar-Junge über den Rücken von mehreren Bullen laufen muss, ohne herunterzufallen. Gelingt ihm das, wird er dadurch vom Jungen zum Mann.

 

Ich hatte im Vorfeld schon viel darüber gelesen und auch gesehen. Dementsprechend gespannt konnte ich es kaum erwarten, dem Happening beizuwohnen. Nachdem wir uns mit Injera gestärkt haben konnte es losgehen. Asu und Guya, zwei Jungs von den Hamar, die mich schon vorher auf ein paar Trips begleitet haben, waren ebenfalls mit von der Partie. Das erwies sich als äußerst nützlich, wie sich im Verlauf des Nachmittags noch rausstellen sollte.

 

Aufgrund der widrigen Straßenverhältnisse hat es uns auf unserem Weg nach Omorate am Morgen die Batterie vom Auto aus der Verankerung gerissen und sämtliche Versuche, es wieder zu reparieren, sind fehlgeschlagen. Von nun an gab es also keinen Strom mehr im Auto, d.h. keine Zündung, kein Licht, keine Möglichkeit Akkus zu laden o.ä.


Das ist aber kein Grund, nicht doch mit dem Auto weiterzufahren – insbesondere nicht für Billy, meinen Fahrer. Er quittierte den Mangel am Fahrzeug mit einem breiten Lächeln und dem Spruch, der uns die ganzen letzten Tage schon begleitet hat:

 

“T-I-A. This is Africa!”


Dieser Spruch beschreibt mit nur drei Worten den kompletten Lifestyle der Menschen im Omo Valley. Unter all den Fahrern und Tourguides herrscht eine wahnsinnig große Hilfsbereitschaft und Uneigennützigkeit. Wenn einer von ihnen ein Problem hat, ist sofort jemand zur Stelle, der auch mal eine zweistündige Fahrt ins Nirgendwo auf sich nimmt, um ein Ersatzteil vorbeizubringen.

Auf dem Weg ins Dorf fuhren wir an Hamar vorbei, die auf dem Weg zur Zeremonie waren. Die Menschen nehmen einen Fußmarsch von vielen Kilometern auf sich nur um die Bull Jumping Ceremony zu sehen. Spätestens da wurde mir bewusst, welchen Stellenwert dieses Ritual einnimmt.

 

Wir stellten unseren Wagen ca. 3 km vom Hauptweg ab. Von da an waren es noch ungefähr 2 km Fußweg. An kleinen eingezäunten Hütten vorbei, deren Bewohner offensichtlich nicht zu Hause waren, bahnten wir uns den Weg Richtung Zeremonie.
Auf einer Anhöhe betraten wir den Festplatz. Da ging auf jeden Fall schon Einiges…unter einer überdachten Fläche von ca. 15m² saßen mehrere, hauptsächlich männliche, Hamar und unterhielten sich, während rundherum Frauen tanzten und in einem großen Bottich alkoholisches Getränk zubereiteten.

 

Die Wirkung des Destillats hat augenscheinlich schon seit geraumer Zeit eingesetzt und die Frauen in eine feierwütige Meute verwandelt. Mit “3,8” auf’m Kessel und Beinschmuck behangen, der einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht, tanzten sie sich bereits den ganzen Tag in einen Zustand, den selbst der hartgesottenste Berghaingänger nach 3 Nächten, inkl. Afterhour nicht erreichen würde.

 

Meine beiden Begleiter, Guya und Asu, waren quasi immer auf Abruf bereit – eine Art Boxencrew im Hamar-Dorf. Um auf ein ansatzweise vergleichbares Level wie die Frauen zu kommen, haben wir uns vorher mit mehreren Büscheln Kath eingedeckt. Während ich also hauptsächlich damit beschäftigt war, die Stimmung aufzusaugen und mit meiner Kamera alles Wichtige festzuhalten, wurde mir in regelmäßigen Abständen entweder Kath, oder Wasser gereicht – das ging ca. 5 Stunden so. Da beide selbst dem Stamm angehörten, wussten sie genau wann welcher Teil der Zeremonie stattfinden würde und wann man wo sein muss, um nichts zu verpassen. Ein weiterer Vorteil war, das ich quasi uneingeschränkten Zugang hatte und selbst mit den Hamar unter dem bedachten Areal sitzen durfte.

Nachdem wir ein paar Minuten mit Asu’s Verwandtschaft geschnackt haben, sagte Asu “Come on, we should go to see the Whippers!”. Die Whipper sind Junggesellen, also unverheiratete Jungs, welche in den zweifelhaften “Genuss” kommen, ledige Hamar-Frauen – als Teil des Rituals – mit einem langen Stock Schläge zu verpassen.

 

Im Prinzip läuft das so ab: Die Frauen betteln darum, geschlagen zu werden. Die Mädels kriegen so dermaßen die Rute zu spüren, dass ihnen die Haut bis aufs Fleisch aufplatzt und riesige Wunden verursacht. Da wird keine Miene verzogen…je härter, desto besser. Die entstandene Wunden gelten als Zeichen der Stärke und Verbundenheit – quasi eine Art Schönheitsideal.

 

Direkt daneben zu stehen macht das ganze noch martialischer. Durch die im Vorfeld konsumierten Alkoholika bekommen die Frauen von den Schmerzen jedoch relativ wenig mit. Nachdem die Zeremonie beendet ist, wird zur Wundversorgung die hiesige Flora bemüht – hier und da mal ein paar Blätter ins Gewebe gedrückt und zerkaute Wurzel rangeschmiert. Das sieht nach zwei Tagen zwar nicht aus wie neu, erstaunlicherweise heilt das aber sehr gut, abgesehen von den tiefen Narben die bleiben.

 

Das Ganze wiederholte sich ein paar Mal und nachdem jede der Frauen entsprechend zugerichtet wurde, stand der nächste und letzte Teil der Zeremonie an – Das Springen über die Bullen. Der “Jumper” war ein Junge im Alter von ca. 11 bis 13 Jahren. Eine absolute Seltenheit, weil die “Jumper” normalerweise ein paar Jahre älter sind.

Autsch!

no words...

The Jumper

beobachtet neugierig das Geschehen

Im Vorfeld der Reise habe ich mich immer wieder gefragt, wie sie es hinkriegen 6 bis 8 Bullen hintereinander aufzustellen und dann auch noch jemanden darüber laufen zu lassen. Nun ja, es sei gesagt: leicht ist das nicht. Eine Auswahl an Tieren wird zum Platz des Rituals getrieben und in Schach gehalten. Nach und nach greifen sich die Männer eines der Tiere und trennen sie vom Rest der Herde, um sie schön in Reihe aufzustellen. Als jemand wie ich, der Tiere weitestgehend nur tot und in Scheiben geschnitten hinter einer Glasscheibe, bzw. in Plastik verhüllt kennt, war das schon sehr beeindruckend. Na ja, gelernt ist eben gelernt.

Das ganze Spektakel findet auf einem relativ kleinen Areal statt. So ist man als Zuschauer mitten im Geschehen und muss wirklich aufpassen, das man nicht unter die Räder, bzw. Bullen gerät. Hier und da mal ein beherzter Griff an die Hörner und mit einer Menge Kraft und Geschick ist das Vieh gebändigt.
Nach ca. 45 min stehen ungefähr 6 bis 8 Bullen in Reih’ und Glied – mehr oder weniger bereit, übersprungen zu werden. Normalerweise nimmt der Jumper Anlauf, springt auf den ersten Bullen in der Reihe und läuft dann über die Rücken der anderen. Da der Jumper aber dieses Mal noch so jung war, musste ihm von einem Familienmitglied hochgeholfen werden, was das Ganze deutlich schwieriger machte. Dennoch hat er es gemeistert und die Zeremonie bestanden.

Was mich wahnsinnig aufgeregt hat, sind Touristen, die denken sie wären alleine da und laufen ständig im Bild rum ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. Wenn sie darauf angesprochen werden glotzen sie einen doof an. So Leute braucht echt kein Mensch in so einer Situation.

Die Überraschung

Am kommenden Tag sollte ich Teil einer besonderen Zeremonie werden. Bis zum Nachmittag wusste ich jedoch nichts davon. Am Morgen haben wir noch die Kara People direkt am Omo River besucht. Strategisch gesehen haben die Kara einen idealen Standort gewählt – östlich des Omo und oberhalb einer Flußbiegung gelegen befindet sich ein Dorf, das ich besucht habe, von dem man einen Wahnsinnspanoramablick über das Omo-Tal hat und mögliche Angreifer aus westlicher Richtung gut sichten kann.

 

Die Lage macht durchaus Sinn, wenn man bedenkt, dass die Kara von allen Stämmen die kleinste Bevölkerungsgruppe bilden und – sagen wir mal – ein wenig im Clinch mit den Nyangatom liegen, die am Westufer des Omo beheimatet sind und enge Beziehungen mit befreundeten Clans und Stämmen im Südsudan pflegen.

 

Das die Kara die geringste Bevölkerungszahl haben liegt auch daran, dass sie bis vor ca. 6 Jahren noch Opferrituale mit Neugeborenen durchgeführt haben. Die Kara nennen es “Mingi”. Wenn ein Kind von den Stammesältesten als “verflucht” benannt wurde – aus Gründen, die von Zwillingsgeburten über falsche Zahnstellung beim Heranwachsen bis hin zu anderen Äußerlichkeiten, bedeutete dies für das Kind: es hat nicht mehr lange zu leben. Aufgrund der Nähe zum Omo River wurden die Kinder in den Fluten einfach ertränkt. Zugegebener Maßen ein wirklich schwer nachvollziehbarer Brauch, für jemanden der nicht diesem Stamm angehört. Offiziell gibt es dieses Ritual nicht mehr, aufgrund von äußerem auch politischen Druck. Was aber stammesintern wirklich geschieht, wissen nur die Kara selbst.

 

By the way…die grenznahe Lage zum Südsudan macht die Nyangatom, trotz der Konflikte mit den Kara, Hamar und Dassanech People, zu einem gefragten und stammesübergreifenden Importeur von Schusswaffen – Bestseller: AK47. Jeder Stamm, den ich besucht habe, nutzt zur Verteidigung diese Art von Waffen. Selbst mehrere Jahrzehnte nach Einstellung der Produktion, hat sich dieses russische Produkt bei den Stämmen durchgesetzt. Kein Wunder – nach jahrelangem Bürgerkrieg in benachbarten Ländern ist noch immer jede Menge vom alten Waffenarsenal im Umlauf, das auf Käufer wartet.

 

Preislich bewegt sich das alles in einem Rahmen von ca. 400,- bis 800,- Dollar, habe ich nach mehreren Nachfragen erfahren – Munition kostet natürlich extra, aber das macht nicht viel aus. Wenn dort geschossen wird, dann nicht zum Spaß und der erste Schuss sollte eigentlich treffen. Hauptsächlich dient das Tragen der Waffen aber zur Abschreckung, wie überall auf der Welt. Dennoch ist es nicht ungewöhnlich, das bei Streitigkeiten unter den Stämmen Menschen getötet werden. Erst 1 Woche bevor ich bei den Mursi gecampt habe, wurden zwei junge Männer erschossen, weil sie Vieh gestohlen haben.

The Kara People

Geladen und entsichert

The Kara People

Alter Mann, alte Büchse...und einer vom Stamm der Kara

The Dassanech People

Meiner!

Aber genug abgeschweift…die eigentliche Überraschung war die Einladung in ein Dorf der Hamar, wo zu meinen Ehren ein Lamm geschlachtet werden sollte und ich direkt neben der Hütte des Dorfältesten meinen Schlafplatz beziehen durfte. Ich wusste gar nicht, was ich erwidern sollte, nachdem mir Melak das sagte. In dem Fall habe ich mich für ein einfaches “Oha!” entschieden – einen Ausspruch, den ich eigentlich immer dann verwende, wenn mir nix besseres einfällt. Rückwirkend betrachtet, nicht die beste Wahl, aber ich war sowieso der Einzige, der sich über solche Kleinigkeiten Gedanken machte.

 

Wir fuhren also zum Dorf – es war schon später Nachmittag, bzw. früher Abend – “all eyes on me” betrat ich das Dorf und folgte Melak, der mich zu vier Männern führte, die auf einem Fell saßen und redeten. Wir begrüßten uns gegenseitig. Es wurde weiter geredet und ich fragte Melak, worüber man denn so angeregt redet. Es ging darum, welches der Tiere denn für mich herhalten sollte und die abendliche Mahlzeit wäre. Am liebsten hätte ich gesagt “Leute, das ist wirklich alles sehr nett gemeint und ich weiß es sehr zu schätzen, aber wegen mir müsst ihr das nicht machen.” Das wäre dann allerdings als Beleidigung verstanden worden und so fügte ich mich in das Ritual ein, soweit es mir möglich war.

 

Es war mittlerweile dunkel geworden. Das Tier war gewählt und ich gespannt. Einer der Hamar-Männer begann die Messer zu wetzen, während der Kopf des Tieres über den Dorfzaun gehalten wurde und drei kleine Kinder im Alter von ca. 6 bis 9 Jahren eine große Holzschale darunter platzierten. Eine Situation, die mich an einen Tag in meiner Kindheit erinnerte. Ich war ungefähr 8 Jahre alt, als mich mein Onkel mit zum örtlichen Schlachter nahm – nichts ungewöhnliches, wenn man auf dem Dorf aufgewachsen ist. Den Hasen im Bollerwagen Richtung Schafott kutschiert und ich war ganz begeistert, dabei sein zu dürfen. Das Ende vom Lied war: Noch bevor Meister Lampe das Fell über die Ohren gezogen wurde, war mir so schlecht, das ich in den Bollerwagen gelegt wurde und auch im selbigen zurück nach Hause gefahren werden musste.

 

Noch bevor dem Lämmchen die Machete in den Hals geschoben wurde, versuchte ich das Kindheitstrauma zu verdrängen. Kopfmäßig immer noch zwischen dem Langohr in den 80ern und dem was wohl gleich passiert, war es dann auch schon soweit und das Blut füllte die Holzschale. Obwohl ich nur einen halben Meter davon entfernt stand und noch immer mit meinem Kindheitstrauma konfrontiert war, bot sich mir ein faszinierendes Schauspiel. Blutleer wurde der Kadaver über den Zaun gehievt und seines Fells entledigt – absolute Präzisionsarbeit.

 

Dann gings ans Eingemachte, bzw. an die Eingeweide. Da half selbst der alte Trick nicht mehr, das Geschehen durch die Kamera zu betrachten, um etwas Abstand zum Geschehen zu bekommen. Spätestens als dem Tier der Magen aufgeschnitten wurde, begann sich meiner etwas zu drehen. Ich habs dennoch durchgezogen und kurz darauf war es soweit – angrillen!

 

Ich hab mich wahnsinnig drauf gefreut, nicht zuletzt weil ich total hungrig war. Mehr “Bio” als ein äthiopisches Lamm geht ja wohl nicht…das waren so meine Gedanken. Nachdem das Tier ca. 1,5h den Flammen ausgesetzt wurde, war es dann soweit und ich kam in den Genuß, als Erster zu probieren. Direkt vor mir – noch am Spieß – wurden erste Fleischstückchen abgeschnitten und mir gereicht. Beim ersten dachte ich noch: ok, vielleicht eins erwischt, das etwas zäh ist. Nachdem die kommenden 5 bis 6 genauso waren, wurde mir klar: das ist nicht so meins.
Das ganze Happening an sich war mir jedoch mehr wert, als nichts essen zu können. Zudem war es ja eh stockdunkel und niemand hat gesehen, wer wieviel isst.

 

Eine Stunde später war das Gelage zu Ende und es war Zeit schlafen zu gehen. Mein Zelt stand direkt an der Hütte des Dorfältesten, wo er und seine Frauen mit Kindern wohnte – das war schon eine große Ehre, abgesehen von dem Essen vorher und alldem. Mein kleines Ein-Mann-Zelt bot einen perfekten Blick auf die Sterne, weil nur der Moskitoschutz über mir war. Zwei bis drei Meter davor postierten sich ein paar Hamar-Frauen auf einem Fell, um dort zu nächtigen. Alles in allem ein Ambiente, das man sich nicht besser wünschen kann, für einen solchen Trip.

 

Eine Stunde nach Zapfenstreich bekam ich jedoch Sodbrennen – eigentlich nicht so ungewöhnlich. Es wurde schlimmer und ich konnte nicht schlafen. Es war mittlerweile 2:00 Uhr nachts und ich suchte nach einer Schlafstellung, die mich schlafen ließ. Im liegen war nix zu machen. Im sitzen auf mein Daypack gelehnt gings eigentlich – allerdings auch nur für einen kurzen Moment. Kotzen würde schon helfen, dachte ich mir. Aber diese Option erschien mir bis dahin doch zu abwegig, zumal ich mich gefühlt vor 10 Jahren zum letzten Mal übergeben habe und ich auch keinen Bock hatte zwischen der Hütte des Dorfältesten und den alten Frauen auf dem Fell vorbei zu huschen, um mich – wenn es gut läuft – außerhalb des Dorfes zu übergeben und – wenn es schlecht läuft – den älteren Damen das Fell vollzuspeien. Das waren so die Gedanken, die mir im Kopf rumgingen. Mittlerweile war es so schlimm, dass ich bei jeder Bewegung damit rechnen musste, es wäre soweit.
Ich wägte ab, wie lange es dauert meine Schuhe anzuziehen, die vor dem Zelt standen und kalkulierte den Weg von Zelt bis Dorfzaun.

 

Kurz nach 4:00 Uhr war dann auf meiner Skala DEFCON 1 erreicht und trotz meiner vorab kalkulierten Strategie schaffte ich es nur in einen meiner Schuhe, humpelte am Fell mit den Frauen vorbei Richtung Zaun und schaffte es tatsächlich drüber. Zwei, drei Meter weiter gabs dann kein Halten mehr und ich habe den äthiopischen Boden angebetet. Die Morgendämmerung setzte langsam ein und ich machte mich auf den Weg zurück zu meinem Zelt. Nachdem ich einen kurzen Gruß in Richtung ältere Damen auf dem Fell geworfen hatte, die sichtbar irritiert waren von meinem nächtlichen Ausflug, muggelte ich mich schön in meinen Schlafsack ein.

The morning after

Wie gerne würde ich sagen, das mich der Morgentau wachgeküsst hat. Das mich der erste Sonnenstrahl geweckt hat. Das eins der hiesigen Lämmer meine Zehen, die aus dem Zelt ragten, abschleckt und ich von der feuchten Umschmeichelung meiner unteren Extremitäten aus dem Reich der Träume geholt wurde. Zumindest irgendwas, was zum Ambiente gepasst hätte.

 

Fakt ist aber: Ich bin nicht groß genug, das meine Füße aus dem Zelt ragen könnten und wenn ich was an meinen Füßen lecken lasse, dann sicher kein äthiopisches Lamm.

 

Viel mehr war es so, das ich nach meiner nächtlichen Odyssee quer durchs Dorf und ohne Schlaf zu nichts zu gebrauchen war.

 

Eigentlich stand heute der Besuch der Nyangatom auf dem Programm – abgesehen von den Dassanech People der Trip auf den ich mich am meisten gefreut habe. Allerdings war ich von der vorabendlichen “Grillsession” und deren Auswirkungen so dermaßen mitgenommen, das ich sämtliche Aktivitäten für den Tag canceln musste.


Ich habe mich quer auf die Rücksitze in unserem Jeep gelegt und versucht etwas zu schlafen, während wir nach Jinka fuhren. Melak und Billy waren zunehmend besorgt, weil ich so abgeschmiert bin. Es wurden erste Überlegungen laut, mich in ein Krankenhaus zu fahren. Das hab ich aber dankend abgelehnt, wobei “wankend” eher zutreffend wäre. Von der Fahrt habe ich quasi nix mitbekommen, abgesehen von den Streckenverhältnissen, die mich auf dem Rücksitz umhergeschleudert haben. Irgendwann bin ich etwas fester eingeschlafen, bis ich plötzlich wach wurde – allerdings nicht aufgrund der widrigen Straßenverhältnisse, sondern weil es zunehmend heißer wurde um mich herum.

 

Offensichtlich parkte der Wagen und rundherum passierte etwas, das ich aber nicht deuten konnte, da ich noch immer in der Horizontalen verweilte. 20 min später und einer Temperatur, die saunaähnliche Ausmaße annahm, entschied ich mich meinen Kadaver doch mal aufzurichten – wohlwissend dass dies mir und meinem Zustand nicht wirklich gut tun würde. Die Neugier war aber größer. Hektisches Treiben und erstaunte Blicke auf mich ließ mich erahnen, das ist kein kurzer Zwischenstopp. Reifenpanne im Nirgendwo und kein Ersatzreifen mehr, aufgrund der Pitstops, die wir in den vorherigen Tagen einlegen mussten. Melak offenbarte mir, dass das wohl noch ein paar Stunden dauern wird und es aufgrund meines Zustand wohl besser wäre, einen lokalen Kleinbus zu stoppen, um mich aufzusammeln und die verbleibenden 30 km mitzunehmen. Ich war wirklich beruhigt, dass ich nicht noch Stunden in der Hitze ausharren musste und Melak einen Plan B hatte – den hatte er eigentlich immer.

 

Eine viertel Stunde später quälte sich ein kleiner 80er Jahre Toyota Hiace dem Berg hoch und hielt neben uns an – meine Mitfahrgelegenheit. Obwohl das Modell als 9-Sitzer konzipiert wurde, war ich erstaunt, dass bereits ca. 15 Leute darin saßen und platzmäßig eigentlich nix mehr zu machen war. Melak und ich quälten uns dennoch rein. Mit halbem Arsch auf der Mittelbank sitzend zuckelte der Minibus dann los. Die Frau neben mir stillte ihr Baby während der Fahrt und da ich ganz Gentleman-like nicht ständig gegen ihre Brust und das Baby stoßen wollte, bin ich des Öfteren von der Mittelbank gerammelt – zur Belustigung der anderen Fahrgäste.

 

Nach knapp einer Stunde Fahrt sind wir endlich in Jinka angekommen und ich wurde in ein nagelneues, kleines Hotel einquartiert, wo ich mich hingelegt habe und sofort eingeschlafen bin. Am Abend habe ich mich nochmal kurz aufgerappelt, um mir ein Tomatensüppchen einzuverleiben, danach gings dann sofort wieder ins Bett, da ich am kommenden Nachmittag schon meinen Trip nach Mogadishu fortsetzen wollte.